KI-Kompetenzpflicht: Regel oder Hebel?
Der EU AI Act kam schon 2025 mit einer Pflicht, die praktisch jeden Betrieb betrifft: die KI-Kompetenzpflicht nach Artikel 4. Inzwischen schulen 70% der Unternehmen ihre Beschäftigten im Umgang mit KI, allerdings nur 11% die gesamte Belegschaft. Bei Unternehmen, die noch keine KI einsetzen, nennen 85% fehlendes technisches Know-how als Hemmnis (Bitkom, Erhebung Juli/August 2026).
Was der EU AI Act Art. 4 verlangt
Artikel 4 verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, Maßnahmen zu ergreifen, um die KI-Kompetenz ihres Personals zu fördern. Das klingt erstmal weit weg. Aber „Betreiber" meint jedes Unternehmen, das KI im Arbeitsalltag einsetzt. Schon Mitarbeitende, die gelegentlich ChatGPT oder Copilot für ihre Aufgaben nutzen, fallen darunter.
Der AI Act schreibt kein festes Kursformat und kein einheitliches Curriculum vor. Sinnvoll bemisst sich das Kompetenzniveau an der Rolle, am Risiko der Anwendung und am Kontext. Eine Sachbearbeiterin, die Texte mit einem Assistenten vorformuliert, braucht ein anderes Verständnis als ein Team, das KI in Entscheidungen über Kreditwürdigkeit oder Auswertung von Verträgen einbindet.
Was der Digital Omnibus geändert hat
Der „Digital Omnibus" zur KI (Verordnung (EU) 2026/1744, in Kraft seit 27. Juli 2026) hat zwei Dinge verändert. Er hat die Pflichten für Hochrisiko-KI verschoben, auf Dezember 2027 bzw. August 2028. Und er hat Artikel 4 neu gefasst.
Bis Juli 2026 mussten Unternehmen nach besten Kräften sicherstellen, dass ihr Personal über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügt. Seit der Neufassung müssen sie Maßnahmen ergreifen, um die Entwicklung dieser Kompetenz zu fördern. Ein bestimmtes Kompetenzniveau jedes Einzelnen ist ausdrücklich nicht mehr geschuldet. Aus einer Ergebnispflicht ist eine Bemühenspflicht geworden.
Die Pflicht besteht also weiter, sie ist nur weicher formuliert. Wer daraus ableitet, das Thema könne liegen bleiben, verschiebt das eigentliche Problem: Ohne Kompetenz im Team zeigt KI kaum Wirkung, mit oder ohne Vorschrift.
Aus der Pflicht kann ein Hebel werden
Artikel 4 ist mehr als ein Kostenposten. In der Bitkom-KI-Studie nennt fast ein Drittel der Unternehmen (31%) fehlende Akzeptanz der Beschäftigten als Hemmnis für den KI-Einsatz. Gleichzeitig überschätzen Führungskräfte die Stimmung deutlich: 76% glauben, ihre Mitarbeitenden seien von KI begeistert, bei den Mitarbeitenden selbst sind es 31% (Harvard Business Review, 2025).
Das verbindet die Pflicht mit dem größten ungelösten Problem der KI-Einführung: Viele Mittelständler setzen inzwischen KI ein, doch nur eine Minderheit sieht einen echten Produktivitätseffekt. Dabei scheitert es selten an der Technik, sondern dort, wo Mitarbeitende ein Werkzeug bekommen, das sie weder einordnen noch einschätzen können, und es deshalb meiden, falsch bedienen oder dessen Ergebnisse ungeprüft übernehmen.
Kompetenz ist genau die Voraussetzung, die diese Lücke schließt. Wer seine Leute befähigt, holt sich zwei Dinge zugleich: die regulatorische Absicherung und die Akzeptanz, ohne die jede KI-Investition unter ihrem Potenzial bleibt.
Drei Fragen für die Geschäftsführung
Bevor ein einziger Schulungstermin gebucht wird, gehören drei Fragen auf den Tisch der Führung.
1. Wer nutzt im Betrieb überhaupt KI? In den meisten Unternehmen ist die Antwort größer als gedacht. Neben offiziell eingeführten Tools laufen private Accounts, Browser-Erweiterungen und einzelne Abteilungslösungen mit. Diese Schatten-Nutzung fällt ebenfalls unter die Pflicht und ist oft der größte blinde Fleck (und ein rechtliches und strategisches Risiko).
2. Welches Niveau braucht welche Rolle? Ein pauschales Webinar für alle erfüllt die Form, trifft aber selten den Bedarf. Sinnvoll ist eine Staffelung: Grundverständnis für alle Anwender, vertieftes Wissen für Rollen mit höherem Risiko, eigene Anforderungen für die, die KI in kritische Entscheidungen einbauen.
3. Wer verantwortet das Thema und wie wird es nachvollziehbar? Compliance ohne benannte Verantwortung hebt nicht. Es braucht eine Person, die den Überblick behält, den Stand fortschreibt und dokumentiert, welche Maßnahmen für welche Gruppen getroffen wurden. Gerade bei einer Bemühenspflicht ist diese Dokumentation der Nachweis, dass Sie sich bemüht haben.
Diese drei Antworten bestimmen, was eine sinnvolle Schulung überhaupt enthalten muss. Wer sie überspringt und gleich ein Standardpaket bucht, erfüllt die Pflicht auf dem Papier und verschenkt den eigentlichen Nutzen.
Zusammenfassung
Die KI-Kompetenzpflicht ist kein Grund zur Hektik und auch kein Thema, das nebenbei „abgehakt" gehört. Sie ist ein Anlass zu fragen: Verstehen die Menschen im Betrieb, womit sie da arbeiten, und vertrauen sie dem Werkzeug genug, um es richtig zu nutzen?
Wer das klärt, erfüllt die Vorgabe und legt zugleich die Grundlage für tatsächliche Wirkung durch KI.
Häufige Fragen zum Thema
Gilt die KI-Kompetenzpflicht auch für kleine Betriebe mit nur einer Handvoll KI-Nutzern? Ja. Artikel 4 kennt keine Mindestgröße und keine Bagatellgrenze. Sobald ein Unternehmen KI-Systeme im Arbeitsalltag einsetzt, gilt die Pflicht, unabhängig davon, ob fünf oder fünfhundert Menschen damit arbeiten. Der Umfang der Maßnahmen darf zum Betrieb passen, das Ob steht nicht zur Wahl.
Reicht ein einmaliges Webinar für alle Mitarbeitenden? Es kann reichen, muss es aber nicht. Der AI Act schreibt kein Format vor. Sinnvoll ist, was zu Rolle, Risiko und Kontext passt. Für reine Gelegenheitsnutzer ist ein solides Grundlagenformat oft genug; Rollen, die KI in sensible Entscheidungen einbauen, brauchen mehr. Ein pauschales Webinar erfüllt die Form, trifft aber selten den tatsächlichen Bedarf.
Müssen wir die Schulung dokumentieren? Das Gesetz nennt keine konkrete Dokumentationsform, aber nachweisen können sollten Sie es trotzdem. Seit Artikel 4 eine Bemühenspflicht ist, ist die Dokumentation genau der Beleg, dass Sie sich bemüht haben. In der Praxis heißt das: festhalten, wer wann welche Inhalte vermittelt bekommen hat. Ohne benannte Verantwortung und einen fortgeschriebenen Stand bleibt Compliance eine Behauptung, die im Ernstfall niemand belegen kann.
Drohen Bußgelder, wenn wir nichts tun? Artikel 4 ist seit Februar 2025 verbindlich. Das Sanktions- und Aufsichtsregime des AI Act greift gestaffelt, die nationalen Durchsetzungsstrukturen werden ab August 2026 wirksam. Unabhängig von der Frage konkreter Bußgelder ist die Pflicht geltendes Recht, und im Schadensfall ist fehlende Qualifizierung ein Haftungs- und Reputationsrisiko. Für eine rechtsverbindliche Einschätzung Ihrer Lage sprechen Sie mit einem Anwalt für IT-Recht.
Fällt auch private oder gelegentliche Nutzung von ChatGPT darunter? Ja, und genau das ist oft der blinde Fleck. Sobald Mitarbeitende KI für ihre Aufgaben verwenden, auch über private Accounts oder Browser-Erweiterungen, ist das betriebliche Nutzung im Sinne der Pflicht. Diese Schatten-Nutzung zu kennen, ist der erste Schritt; sie zu ignorieren, das größere Risiko.
Wir haben unsere KI-Einführung wegen der Fristverschiebung pausiert. Müssen wir trotzdem schulen? Ja. Verschoben wurden ausschließlich Pflichten für Hochrisiko-Systeme, die vor allem Anbieter und Konzerne betreffen. Artikel 4 wurde neu gefasst und ist jetzt eine Bemühenspflicht, gilt aber weiter. Die Verschiebung ist also kein Grund, die Qualifizierung zu pausieren.
Über den Autor: Thomas Schröpfer arbeitet hauptberuflich als Principal Enterprise AI Field Strategy Lead bei einem internationalen Technologieunternehmen für KI-Infrastruktur. Nebenberuflich berät er Mittelständler am Hochrhein zu strategischen KI-Fragen. Er ist kein Anwalt und gibt keine Rechtsberatung. Für rechtsverbindliche Bewertungen wenden Sie sich an Ihren Datenschutzbeauftragten oder einen Anwalt für IT-Recht.
Aktualisiert am 1. Oktober 2026: Neufassung von Artikel 4 durch den Digital Omnibus und aktuelle Bitkom-Zahlen eingearbeitet.
Quellen:
- Verordnung (EU) 2024/1689, EU AI Act im EUR-Lex
- Verordnung (EU) 2026/1744, Digital Omnibus zur KI (Übersicht IHK Frankfurt am Main)
- AI Literacy, Questions & Answers, Europäische Kommission
- Bundesnetzagentur, KI-Kompetenz / AI literacy
- Bitkom, „Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI", 14.09.2026
- Bitkom, Studienbericht „Künstliche Intelligenz in Deutschland" (Erhebung Juli/August 2025)
- Harvard Business Review, „Leaders Assume Employees Are Excited About AI. They're Wrong.", 26.11.2025