Ein Blick in die Schweiz: Große ziehen bei KI davon. Der Mittelstand kann aufholen.
Eine neue Studie der Hochschule Luzern und des Technologieunternehmens ti&m hat über 200 Schweizer Unternehmen aus mehr als 15 Branchen befragt und den Reifegrad ihrer KI-Nutzung gemessen. Ein Ergebnis ist auch interessant für den deutschen Mittelstand am Hochrhein: Große Unternehmen ziehen davon, aber kleinere folgen.
Was die Studie zeigt
Die Studie teilt Unternehmen nach ihrem KI-Reifegrad in Gruppen ein, von den „AI Leaders" an der Spitze bis zu den „AI Followers". Das Muster ist deutlich: Unter den reifsten Unternehmen stellen Großunternehmen (ab 2.500 Mitarbeitenden) ganze 73,6%. Der Mittelstand landet mehrheitlich in den nachfolgenden Gruppen.
Den größten Unterschied macht dabei die Unternehmensgröße, gar nicht maßgeblich die Branche.
Ein weiterer Befund ordnet das ein: Weniger als 30% der befragten Unternehmen haben KI-Lösungen produktiv im Einsatz. Nur rund ein Drittel hat überhaupt eine ausformulierte KI-Strategie, und bei der Hälfte davon fehlen feste Governance-Regeln und Zuständigkeiten. Der Vorsprung der Großen ist da, startet aber von einem niedrigen Niveau.
Der Vorsprung ist organisatorisch, nicht technisch
Der naheliegende Verdacht lautet: Große Unternehmen haben mehr Budget und bessere Technik. Die Zahlen stützen das nur begrenzt. Über 70% aller befragten Firmen investieren weniger als 5% ihres IT-Budgets in KI. Das Rennen wird also kaum über die Höhe der Ausgaben entschieden.
Was die Leader auszeichnet, ist etwas anderes: eine klare Strategie, definierte Zuständigkeiten und Strukturen, in denen KI-Vorhaben priorisiert, verankert und wiederholt werden. Große Organisationen bringen das eher mit, weil sie ihre Abläufe ohnehin formalisieren. Genau darin liegt ihr Vorsprung.
Der Abstand entsteht dort, wo KI von einzelnen Experimenten zu einem geführten Vorhaben wird.
Was der Mittelstand daraus mitnehmen kann
Das ist die gute Nachricht für kleinere Betriebe. Strategie, Zuständigkeit und einfache Leitplanken hängen an Führungsentscheidungen, nicht an Unternehmensgröße oder Budget. Und diese Entscheidungen lassen sich am Hochrhein schneller umsetzen als in einem Konzern mit langen Abstimmungswegen.
Drei Dinge heben den Reifegrad, ohne großes Investment:
- Eine benannte Verantwortung. Eine Person, die KI im Betrieb koordiniert, kein Komitee und nicht „die IT nebenbei".
- Ein klarer erster Anwendungsfall mit messbarem Ziel, statt paralleler Einzelversuche in mehreren Abteilungen.
- Einfache Leitplanken, die regeln, welche Daten in welche Tools dürfen und wer im Zweifel entscheidet.
Diese Punkte sind der Kern dessen, was die Studie bei den „AI Leaders" beobachtet. Keiner davon erfordert ein großes Budget.
Ein realistischer Blick gehört dazu. Die Studie zeigt auch, dass KI bisher vor allem Effizienz bringt und selten direktes Umsatzwachstum. Rund 75% der Unternehmen berichten von Produktivitätsgewinnen, spürbare Umsatzeffekte bleiben die Ausnahme.
Worauf es jetzt ankommt
Der Vorsprung der Großen ist aufholbar, weil er organisatorisch ist. Die entscheidende Frage für Ihren Betrieb ist deshalb keine technische: Gibt es bei Ihnen eine benannte Verantwortung für KI, einen ersten Anwendungsfall mit klarem Ziel und eine einfache Regel, welche Daten in welche Tools dürfen? Wo Sie hier ins Stocken geraten, liegt Ihr nächster Schritt. Er sieht in jedem Unternehmen anders aus.
Über den Autor: Thomas Schröpfer arbeitet hauptberuflich als Go-to-Market Product Manager bei einem Schweizer Anbieter von KI-Infrastruktur. Nebenberuflich berät er Mittelständler am Hochrhein zu strategischen KI-Fragen, mit Schwerpunkt auf Entscheidungsvorbereitung vor Investitionen.
Quelle:
- Hochschule Luzern (HSLU) und ti&m AG, AI Maturity Study 2026 (Befragung von über 200 Unternehmen aus mehr als 15 Branchen in der Schweiz)